Leseproben
Nachkriegsjugend


Nachkriegsjugend

Mein Name ist Ernie Weiler, eigentlich Ernesto, aber Ernie klingt besser, und ich bin jetzt knapp über dreißig Jahre jung und gehöre der Generation der Nachkriegsjugend an. Der Jugend, nach dem kalten Krieg, dessen Ende ich bei vollem geistigem Bewusstsein erleben durfte.

Geboren wurde ich in einem Land, welches heute auf keiner aktuellen Landkarte mehr zu finden ist. Um präziser zu werden, sage ich noch, dass ich aus der südlichen Region dieses nicht mehr vorhandenen Landes stamme.
Aufgewachsen bin ich auf'm Dorf, überm Kuhstall. Unten waren die Schweine und Kühe und oben drüber mein Kinderzimmer. Ich hatte ein richtiges Landleben in meiner Jugend. So richtig mit Schlachtfest, Schweinen, Kühen, weiten grünen Wiesen mit Kuhfladen drauf, Wälder, Bächen, glücklichen weil freilaufenden Hühnern, Gänsen, eigenem Garten und so weiter. Hier hatte noch jeder seine eigenen Viecher, die versorgt werden mussten und nebenbei wurde noch in der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft geackert.

Was ich als Kind noch unheimlich spannend fand, ist mir heute manchmal nur noch zu wieder. Bei den Schlachtfesten zum Beispiel, wurde zuerst das Schwein mit einen Bolzenschussgerät hingerichtet, dann ließ man es ausbluten und am Ende wurde es aufgeteilt. Man konnte sich das alles angucken. Ich musste manchmal das Blut, welches in einem Eimer aufgefangen wurde, umrühren. Daraus wurde die Blutwurst gemacht. Das hat mich damals noch nicht angehoben. Ekelig fand ich die Leute, die selbst das Hirn des Schweins futterten, aber so war das. Schlachtfeste waren immer richtige Familienfeste. Meine liebe Verwandtschaft war da und auch die Verwandten der anderen Familien, die denselben Hof wie meine Sippe bevölkerten. Wir waren 4 Familien da auf dem Hof, was natürlich auch eine Menge Kinder bedeutete, mit denen man spielen konnte. Wir hatten noch die klassischen Spiele, wie Cowboy und Indianer. So was wie Computer oder Spielkonsolen gab es nicht. TV war noch nicht so wichtig. Kam ja auch nicht so viel im TV. Die zwei Sender, welche es gab, schalteten meist gegen Mitternacht ab und gingen erst zum Mittag wieder auf Sendung.

Ich war ein recht tapsiges, aber aufgeschlossenes Kind. So habe ich einmal auf dem Hof meiner Großeltern "Blinder" gespielt. Dazu hatte ich einfach die Augen geschlossen und mir einen Stock gesucht, mit welchem ich über den Hof tapste. Es mag ja ehrbar sein, sich in die Lage von Menschen mit einem Handicap hineinversetzen zu wollen. Peinlich wird es aber dann, wenn man dabei einen weit geöffneten Gullydeckel übersieht….

Im Wendejahr war ich vierzehn Jahre jung. Im Sommer des Wendejahres 1989 zogen wir vom Dorf in das, was sich da Kreisstadt nennt. Eine kleine hübsche Stadt im Grünen mit etwa 16.000 Inhaftierten. In jener schönen, aber auch erzkonservativen und teils doch recht verkrusteten Kleinstadt, spielt auch ein Großteil dieser Geschichten hier. Bis dahin war aber noch keine Wende. Wir hatten sozusagen eine der letzten sozialistischen Wohnungen bekommen. Aber Wohnungen zu bekommen sollte bald gar nicht mehr so schwer sein. Gerade in diesen Neubaublocks konnte man alsbald in viele tote Fenster sehen.

Bis Anfang der 90er führte ich wie gesagt ein relativ behütetes Leben. Aber nur bis zu dem Tag, als lärmige Stromgitarrenmusik in meine Idylle einbrach. Das war so etwa 1991. Irgendjemand lieh mir mal etwas Musik aus. Die Bands hießen Iron Maiden, Black Sabbath, Metallica, Slayer oder Judas Priest. Peng, das war's dann! Aus, vorbei! Ich ließ mir die Haare lang wachsen, kaufte mir Nietenarmbänder und ward seit dem Tag in keiner anderen Farbe als schwarz mehr gesehen. Wenig später kamen Slime, Toxoplasma, Ton Steine Scherben, Aufbruch, Dead Kennedys, Skeptiker, Ramones, Dritte Wahl, Feeling B, Einstürzende Neubauten, Sandow und andere Vertreter einer wahrlich aufmüpfigen Jugendbewegung dazu. Jener Krach nannte sich Punk und Heavy Metal und brachte mich von einem bis dahin ziemlich geradem Lebensweg ab. Ja, ja, der Verführer Rock & Roll. Subversiv und destruktiv! Doch der Spaß konnte ja nicht ewig andauern. Der Ernst des Lebens stand vor der Tür.



Kampfhundgrindcore

Es begab sich wieder einmal, irgendwann im Herbst des Jahres 2002, dass ich die hochbegabte Grindcoreformation Napalm Entchen auf eines ihrer Konzerte begleiten durfte. Diesmal in ein kleines Nest in die Einöde von Brandenburg. Das Dorf, in welchem sich der Gasthof befand, in dem die Veranstaltung stattfinden sollte, war wirklich das, was man in Horrorfilmen immer als Backwoods bezeichnete. Da war nichts, außer diesem Dorf, diesem Gasthof und einer Straße, an der sich links und rechts altertümliche Bauerngehöfte aufreihten. Aber man sollte anmerken, dass hier öfters Konzerte der Stilrichtungen Death Metal und Grindcore stattfanden.

Ich fuhr mit dem Strapse tragenden Gitarristen der Kombo zu diesem Kulturereignis, bei welchen noch weitere andere Truppen mit solch Schrecken erweckenden Namen wie Cock and Ball Pain, Sadistic Pig Fuckers oder Gänseblümchenhäckselmaschine auftreten sollten. Nun gut, welche Pein man doch so auf sich nimmt. Mit im Auto, meine Annette und die Freundin des besagten Gitarristen.

Der erste Schock des Abends war der unsägliche Eintrittspreis von 20 Euro für vier Truppen, die eigentlich kaum ein Schwein kannte, außer man watete im tiefsten Hartwurstuntergrund. Das tat echt weh. Eine Gästeliste gab es nicht. Nächster Schock, kein Backstage, nur ein Saal dessen gefühlte Innentemperatur nur knapp über dem Gefrierpunkt lag. Weiterhin, kein vegetarisches Futter und das was es zu essen gab, war relativ ungenießbar. Wässrige Bockwurst mit einem Brötchen, welches man auch als Wurfgeschoß gegen Nazis benutzen konnte. Die gastronomische Verpflegung hatte die dem Saal zugehörige Kneipe übernommen, dass Bier kostete also gleich mal dementsprechend. Leider war ich ja am Einlass für mich und meine Anvertraute schon 40 Euro, von den 50 mitgebrachten, die sonst für Veranstaltungen dieser Art immer für einen gepflegten Absturz reichen, für den Eintritt losgeworden. Eine Unverschämtheit, für die man eigentlich dem Veranstalter gleich hätte das Fell gerben sollen. Hätte ich noch zwei Bier für mich und ein Wasser für die Liebste geordert, wäre der Abend gelaufen gewesen. Dementsprechend war meine Stimmung also schon ganz weit unten. Annette ging es ähnlich. Viele der wenigen anwesenden Gäste konnten es auch nicht unterlassen, ihren Unmut zu äußern.

Erste Band waren die Entchen. Klassiker wie Sex mit Schnittlauch, Anal Schnattchen, Essen ist fertig, Masturbation mit einer Black und Decker sowie Karneval der Insekten wurden kredenzt. Prima, fein. Was man über die aufgestellte Beschallungsanlage nicht sagen konnte. Jene erwies sich als maximal für kleinere Toilettenhäuschen geeignet. Dazu ein sternhagelvoller Mensch hinterm Mischpult, welcher ein wahres Genie im Nichtbeherrschen der vorhandenen Technik war. Sound scheiße. Nächste Band. Prima, fein. Sound scheiße. Umbau. Nächste Band stöpselte ein, dreht ihre Verstärker auf, ein fettes Signal knallt vom Mikrophon an der Gitarrenbox zum Mischpult und von dort unkoordiniert in die Frontbeschallung. Die Frontanlage verabschiedete sich und krächzte nur noch. Der Mann hinterm Mischpult war inzwischen seinem Suff erlegen und lag mit dem Gesicht auf dem Pult. Prima, fein. Die Band spielte trotzdem. Die Boxen krächzten. Der Sound befand sich weit unter Null des Verträglichen. Die Boxen verabschiedeten sich nach einander. Die letzte Band war eine soundtechnische Katastrophe, die zwanzig Anwesenden in dem vierhundert Personen fassenden Saal alle völlig zugeballert und feierten dementsprechend den Headliner des Abends ab.

Annette begann mit mir eine Diskussion über ihren Glauben. Keine Ahnung, wie wir da drauf gekommen sind. Prima, fein. Reden wir also über Gott. Da war ich voll dafür. Denn an Gott glaubte ich heute Abend gar nicht. Eher ans Armageddon, von welchem diese Veranstaltung nicht weit entfernt war. Wenn man wenigstens besoffen wäre. Aber nein, stocknüchtern musste ich diesen Scheiß hier ertragen. Mein letztes Geld hatte ich Annette gespendet, damit sie wenigstens eines der Brötchen und ne Cola bekommen konnte. Natürlich musste ich die verdammte Bockwurst kaufen, um an das Stück Kaubeton zu kommen.

Annette wurde sauer, weil ich ihr zu verstehen gab, dass ihr Jesus und der olle Gott mich einen Scheißdreck interessierten. Sie war beleidigt, ich nüchtern. Kein schöner Zustand und es war kalt. Aber nicht nur mir. Die Show war vorbei, alle gingen nach Hause, nur der Gitarrist, seine Freundin, Annette und ich blieben da.

Zwar war von einem gemütlich warmen Backstage die Rede, jener hatte sich ja aber schon bei Erscheinen in Luft aufgelöst. Frustriert suchten Annette und ich einen Platz auf der Bühne zum pennen. Die Bühne war der höchste Punkt im Saal, schien somit auch noch am wärmsten zu sein. Inzwischen war die Temperatur unter dem Nullpunkt angekommen. Die Nacht war hart, nicht nur wegen der ungepolsterten Bühne, auch wegen der Kälte, an Schlaf war kaum zu denken. Der vor Kälte zitternde Körper hielt sich selbst wach. Dafür konnte ich mich bei Annette wieder einschleimen, in dem ich ihr auch noch meinen Ledermantel zum zudecken anbot. Mich fierte es dafür umso mehr. Ich musste an den Erlkönig und das sterbende Kind denken.

Endlich ist es Morgen. Ich musste kacken, Annette brauchte auch dringend wohl geformtes Porzellan unter ihr Hinterteil. Die Fäkalstationen befanden sich außerhalb des Saales. Also raus in die Kälte und aus der Traum vom gepflegten Morgenschiss. Die Notdurfteinrichtung wurde von einem zwar angeketteten, aber doch genügend Freilauf besitzenden Kampfund bewacht, der sofortige Assoziationen mit dem Hund von Baskerville weckte. Unser Fahrer erklärt mir später, dass dieses possierliche Tierchen immer die nicht verschließbaren Kackbuden bewachte. Nette Idee, muss man sagen. Ich hätte gern ein Bolzenschussgerät gehabt, um das Tierchen zur Räson zu bringen.

Schnell wurde sich zur Heimfahrt entschlossen. Daheim sollte es Kaffee, ein warmes Bett und sicher Sex geben. Doch damit tauchte das nächste Problem auf. Der Tank des KFZ war fast leer und der Rest verbliebenen Kraftstoffes wirkt wenig Vertrauen erweckend, uns noch die 100 km bis nach Hause zu bringen. Ich fragte nach der Gagenauszahlung des Abends. Aber da war keine. Zu wenige Leute waren da und der Veranstalter wollte erst einmal seine Kosten decken. Wir kratzten unsere letzten Cent zusammen, etwa sieben Euro und tankten an der nächsten Ölquelle.



Erzählung von einem schlecht geplanten Brandanschlag

Eine ganz gewöhnliche Grillparty auf dem Dorf. Jugendliche sitzen zusammen, hören widerliche Nazimusik und trinken ein Bier nach dem anderem. Marko kommt auf zehn Flaschen, Jan auf zehn, Jens auf zwölf. Nur Heiko trinkt nichts. Schließlich muss er seine Kumpels noch mit dem fetten BMW vom Papa nach Hause fahren. Doch bis dahin ist es noch etwas Zeit und so steigerte man sich im Gespräch immer mehr in eine Idee hinein, von der am Ende keiner mehr wusste, wer sie nun eigentlich zuerst hatte. Der Entschluss war aber gefasst und so setzte man sich in Heikos Fahrzeug, um die nahe gelegene Stadt anzusteuern.

Bei Anbruch des Morgens fuhr der BMW vor dem AJZ am Rande der Stadt vor. Der Wagen hielt in unmittelbarer Nähe. Zwei junge Männer stiegen aus. Einer von ihnen kontrollierte noch, ob die Haustür verschlossen war. Dieses war der Fall. Daraus folgerte er, dass niemand mehr im Haus war. Jan holte zwei mit Benzingemisch gefüllte Bierflaschen, welche zuvor zu Molotowcoctails umfunktioniert wurden, aus dem Fahrzeug. Marko zündete die Lunten an. Jan warf die zwei Flaschen gegen das Gebäude. Eine flog auf das Dach, entzündete zwei Transparente und fiel danach wieder herunter. Die andere beschädigte nur eine Scheibe. Das Haus brannte nicht, dass Benzin war alle, leere Flaschen gab es auch nicht mehr. Also setzte man sich wieder in den BMW und fuhr nach Hause, weiter saufen.

Folgende Nachricht konnte man am 28.Juli 1999 in der lokalen Presse lesen.

Auf das AJZ am Stadtrand haben bisher unbekannte am 24. Juli 1999 einen Brandanschlag verübt. Die Täter entzündeten am Montag in den frühen Morgenstunden eine Flasche mit brennbarer Flüssigkeit und warfen sie in ein Dachfenster des Hauses, teilte die Polizei am Dienstag mit. Dabei entstand ein Sachschaden von rund 600 Mark. Das Gebäude selbst geriet glücklicherweise nicht in Brand.

Im Urteil wurden die vier Angeklagten der gemeinsamen versuchten schweren Brandstiftung für schuldig gesprochen. Das ahndete das Gericht nach dem Jugendgerichtsgesetz bei Jan und Jens mit zwei Jahren, bei Marko mit einem Jahr und zehn Monate und bei Heiko mit einem Jahr und sechs Monaten Jugendhaft. Die Haft ist bei allen zur Bewährung auf zwei oder drei Jahre ausgesetzt worden. Als äußerst sinnvolle Bewährungsauflage hatten sie binnen eines Jahres zwischen 100 und 200 Stunden gemeinnützige Arbeit in dem von ihnen geschädigtem AJZ zu leisten. Hart aber gerecht traf es vor allem Jan. Sein zur Tat benutzter BMW wurde einschließlich der Papiere und Schlüssel eingezogen. Außerdem hatten die Verurteilten die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Natürlich wurde die Sache, mit den bald bei uns arbeitenden Nazis von allen sehr wohlwollend aufgenommen. Pläne wurden geschmiedet. Marterpfähle sollten errichtet, Fallgruben und Kerkerlöcher ausgehoben werden. Doch am Ende wurde die Geschichte viel subtiler und vor allem gemeiner über die Bühne gebracht. Ja, wir waren richtig fies. Der erste Tag in der Strafkolonie wurde auf den 20. April festgelegt, der Letzte ebenfalls. Wir erinnern uns. An diesem Tag wurde in einem Österreichischen Nest ein Bub geboren, welcher später der geistige Ziehvater auch dieser vier Schwachköpfe werden sollte.

Doch auch so ein Pimpf muss noch lange nicht eine überbordende Intelligenz an den Tag legen, um irgendwann einmal in die Hitlerjugend aufgenommen zu werden. Da kommt man sowieso eher hinein, wenn man schön treu und doof ist. Schon gar nicht unsere vier Spezialisten für Brandanschläge. Jene standen nämlich pünktlich am 20. April mitsamt ihrer Bewährungshelferin vor der Tür. Die liebe Bewährungshelferin war uns keine unbekannte, betreuten wir doch des Öfteren Jugendliche oder auch mal Erwachsene, bevorzugt aus den eigenen Reihen, welche zu Arbeitsstunden verdonnert wurden. Was nicht wirklich selten vorkam. Irgendwas war doch immer. Na ja. Da standen sie nun. Im strahlenden Sonnenschein, welcher angenehme 20, gefühlte 25 Grad zur Erde sandte. Doch noch waren sie nicht im AJZ. Das sollte sich auch noch etwas ziehen. Erst einmal strahlte uns ebenso wie die Sonne, die liebe Bewährungshelferin an. Warum wir ihr strahlen nicht erwiderten, konnte sie nicht nachvollziehen. Auch unsere Kritik an der Kleiderordnung, welche die vier Herrenmenschen in einem Anfall schlechter Manieren einfach zu Hause vergessen hatten, konnte sie nicht verstehen. Doch sollten wir diese vier Spacken, ausgestattet mit Gürtelkoppel in Form einer Reichskriegsflagge, diversen Rechtsrockleibchen sowie Gaudreiecken und Hackenkreuzen auf den Jacken, ins AJZ lassen? Tschuldigung für unser Unverständnis. Aber, hinten im Hof des AJZ auf einer grünen Wiese lagen 30 Menschen, die begierig auf die Premierenvorstellung der Nazis waren. Sicher hätten jene sich doch etwas mehr als wir über das Erscheinungsbild echauffiert. Letztendlich handelten wir doch nur im Sinne der noch verbliebenen Gesundheit, geistig schien sich ja nicht mehr viel zu regen, der Reichsveteranen. Und noch was. Alle vier waren auf Bewährung zum Spatendienst abgestellt wurden. Für jedes einzelne von Opas Erinnerungsstücken an das großdeutsche Reich hätte es locker schon am ersten Tag, im Falle einer Anzeige unsererseits, für einen Freifahrtschein in den nächsten Jugendknast gereicht. Und ob die Türken oder Albaner ebenso freundlich sind wie wir, beim Anblick deutscher Nationalhelden, ist fraglich.

So hieß das erste Frontkommando erstmal: Fresse halten, umziehen, noch einmal versuchen! Und man mag es kaum glauben, auch Nazis besitzen die Fähigkeit des erlernen einfachster Verhaltensregeln.

Nun, wie gesagt, im Hinterhof des AJZ lauerte schon die Meute. Hätte nur noch ein Moderator gefehlt und die Zirkusvorstellung wäre perfekt gewesen. Mit Bier, Ganja und einer Menge guter Laune begann wahrscheinlich die Party des Jahres. Aber nur für uns. Die Faschisten wurden erst einmal zu Trümmerfrauen umfunktioniert. Spießrutenlaufen war angesagt. Wir hatten auf der Wiese des weiträumigen AJZ - Außengeländes noch eine eingefallene Baracke aus Ziegelsteinen. Da wir ein sparsames Völkchen waren, wollten wir natürlich für weitere Baumaßnahmen die Ziegelsteinchen retten. So wurden die vier Faschisten mit 50 - Gramm - Hämmern und einer Schubkarre ausgestattet. Jene Hämmerchen dienten dazu, die Steinchen von Klebstoffresten zu befreien. Witzige Angelegenheit, 50 - Gramm - Hämmer, Ziegelsteine, Nazis, schweißtreibender Sonnenschein. Gar lustige Sprüche mussten sich die Übermenschen da anhören. Einer von ihnen zog sich sein T-Hemd aus. Die Folge dessen war natürlich die Bemerkung, dass er aufpassen sollte, nicht zu braun zu werden. Ist halt nicht so arisch.

Irgendwann waren die Nazis keine Attraktion mehr und zu viele sinnvolle Sachen wollten wir sie auch nicht machen lassen. Zum Glück gab es einen Holzschuppen auf dem Gelände. In jenem lagerten etwa 100 zwei Meter lange Kanthölzer von beachtlichem Gewicht. Diese durften die Delinquenten von einer Ecke des Schuppens in eine andere oder zur Abwechslung ins AJZ oder unter einen Verschlag und wieder zurück in den Schuppen bewegen. Ein Jahr lang! Ein anderes Mal galt es, einen Bauwagen unter Lebensgefahr zu entkernen, bei sehr lustigen Minusgraden im Winter. Ins AJZ selbst durften die vier nämlich, außer zum arbeiten, nicht. Ihre Butterbrote konnten die auch im Auto fressen.




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